KONZEPT

AUSGANGSLAGE

Die vorherrschenden Trends in der Stadtentwicklung, die häufig unter dem modischen Begriff Smart City vermarktet werden, bleiben tendenziell dem Imperativ des Wirtschaftswachstums und der profitablen Investitionen (ungeachtet deren sozialer und ökologischer Folgen) verpflichtet. Dieses Paradigma, das auch in den aktuellen Entwicklungsstrategien der Stadt Graz erkennbar ist, beruht auf der Annahme, dass sich gesellschaftliche und ökologische Probleme (wie zum Beispiel Armut, Mangel an leistbaren Wohnungen, soziale Ausgrenzung, Umweltverschmutzung oder Klimawandel) durch den Einsatz von „intelligenten“ technologischen und administrativen Lösungen beseitigen lassen. Aufkommende Technologien, wie etwa das „Internet der Dinge“ und ausgefeilte Grün-Tech-Systeme, werden angewandt, um den neuen Stadterweiterungen die Aura der Fortschrittlichkeit zu verleihen. Dennoch: Die Probleme, die sich aus der Vorrangigkeit der Kapitalakkumulation in den Prozessen der Stadtentwicklung ergeben, bleiben dabei intakt. Darüber hinaus beschränkt sich die direkte Teilnahme der StadtbewohnerInnen an den städtischen Planungsprozessen meist auf kleine und konkrete Bauvorhaben mit absehbaren Realisierungshorizonten und wird nur selten auf Diskussionen über grundlegende Prinzipien der Stadtentwicklung und Spekulationen über alternative Zukunftsszenarien ausgeweitet.


 

KONZEPT

 

Grazotopia versteht sich als umfangreiches, ganzjähriges Experiment in der partizipativen utopischen Stadtplanung und Wohnpolitik, das sich den oben beschriebenen Tendenzen widersetzt und die Entwicklung von einleuchtenden Zukunftsvisionen für Graz anstrebt, indem es verschiedene aktuelle Ansätze der emanzipatorischen Stadtentwicklung zu untersuchen und miteinander zu verknüpfen versucht. Dazu gehören wachstumskritische und solidarische Wirtschaftsmodelle, cyber-sozialistische Verwaltungskonzepte, mehr-als-menschliche Wohngemeinschaften, alternative Eigentumsformen, inklusive, egalitäre und nachhaltige Finanzierungsprogramme, dezentralisierte gemeinschaftliche Energienetze, Ideen zur adaptiven Wiederaneignung der brachliegenden Bausubstanz sowie Ansätze zur Umnutzung von Blockchain- und anderen aufkommenden Technologien zu Zwecken der gerechten Ressourcenverteilung. Diese und andere postkapitalistische Entwicklungskonzepte sollen im Zuge eines mehrstufigen, partizipativen Planungsverfahrens in den konkreten Kontext von Graz gestellt und in einheitliche utopische Projekte integriert werden.

STANDORT(E)

 

Im geographischen Sinne umfasst Grazotopia die ganze Stadt, wobei den wenig beachteten Stadtteilen nördlich von der Achse Keplerstraße–Wickenburggasse–Humboldtstraße besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, deren spaltender Charakter bereits von Superstudio im Jahr 1969 erkannt und auf der berühmten „Ansichtskarte“ aus Graz dargestellt wurde. Während die betroffenen Stadtteile (nördliche Teile der Bezirke Lend, Geidorf und Eggenberg sowie die Bezirke Andritz und Gösting) immer noch vergleichsweise wenig Beachtung seitens der lokalen Kunstszene und der kulturellen und politischen Initiativen finden, sind sie allmählich zum Schauplatz intensiver Umbauprozesse geworden. Dies ist dem relativ hohen Anteil an verbliebenen Brachflächen und vernachlässigten älteren Bauten zu verdanken, die neue Investitionen begünstigen. Ein interessantes Beispiel dafür ist das verfallende, von Volker Giencke in den 1980er-Jahren entworfene, selbstverwaltete „Studentenhaus“ am Lendplatz, das Grazotopia als Fallbeispiel dienen wird.

METHODE

 

Im Hinblick auf Planungsmethodologie stellt Grazotopia einen Versuch dar, zwei grundlegende Hindernisse zu überwinden, die der Anwendung von partizipativen Verfahren in der Entwicklung langfristiger urbaner Zukunftsvisionen im Wege stehen. Das erste Hindernis ist im Fehlen von systematischen Informationen und Wissen begründet, die erst den Ausgangspunkt für alle Spekulationen über die Zukunft komplexer Systeme, wie es auch die Städte sind, bilden. Das zweite Hindernis beruht auf dem Umstand, dass die Ausarbeitung der utopischen Projekte besser in kleinen Teams als in großen Gemeinschaften erfolgt. Dem ersten Problem wird entgegengewirkt, indem die für den Planungsprozess relevante Informationen in der ersten Projektphase systematisch gesammelt, geordnet, veröffentlicht und in der Form einer moderierten Diskussionsreihe thematisiert werden, während in der zweiten Projektphase ein intensives Bildungsprogramm zum Thema utopische Stadtplanung angeboten wird. Das zweite Hindernis wird überwunden, indem die aus dem Konzept der offenen Software abgeleiteten Prinzipien auf das Gebiet der utopischen Planung übertragen werden. So wird der erste utopische Entwurf noch von einer kleineren Gruppe von ExpertInnen und AktivistInnen entwickelt. Ein breiterer Kreis von InteressentInnen eignet sich in der darauffolgenden Phase den anfänglichen Entwurf an, debattiert und entwickelt diesen weiter, um allmählich eine kontinuierliche, kollektive und interaktive Praxis der utopischen (Gegen-)Spekulation entstehen zu lassen.

VERLAUF

 

Um die genannten Ziele zu erreichen, legt Grazotopia den Rahmen für ein sorgfältig strukturiertes, mehrstufiges Planungsverfahren fest, das die Zusammenarbeit zwischen lokalen und internationalen ExpertInnen, Studierenden und allen interessierten StadtbewohnerInnen erfordert und ermöglicht. In der ersten Projektphase (GrazForschung) wird das Projektteam Stadtforschung in großem Umfang betreiben. Ihr Ziel ist es, Grundlagen für die eigentliche Planungsphase (GrazPlanung) zu schaffen. Damit eine möglichst weitreichende Verbreitung und Rezeption der Forschungsergebnisse gewährleistet wird, wird LAMA | Das lösungsorientierte Architekturmagazin – der lokale Medienpartner von Grazotopia – seine reguläre Veröffentlichungspraxis auf „dispersive“ populäre Medien, wie Plakate, Wandzeitungen, Flugblätter und Pamphlete erweitern und sie in der Stadt verteilten. Gleichzeitig wird das Institut für Anthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Graz eine Lehrveranstaltung anbieten, die thematisch und organisatorisch an Grazotopia gekoppelt ist, so dass die Verflechtung der wissenschaftlichen Gemeinschaft mit der Zivilgesellschaft vom Anfang des Projekts an gefördert wird. Die einzelnen Aspekte der aktuellen Stadtentwicklung von Graz, die vom Grazotopia-Projektteam gemeinsam mit den Studierenden der Universität Graz untersucht werden, sollen in Form einer im HDA stattfindenden Diskussionsreihe (GrazTalks) dem breiteren Publikum präsentiert werden.  

 

In der zweiten Projektphase (GrazPlanung) wird die eigentliche utopische Planung in drei Schritten erfolgen. Im ersten Schritt (UtopieInkubator) wird ein Team aus fünf bis zehn lokalen und internationalen ExpertInnen und AktivistInnen, die im Bereich der solidarischen Wirtschaft, politischen Ökologie, partizipativen Stadtplanung oder des spekulativen Designs tätig sind, eine erste utopische Skizze der künftigen Entwicklung von Graz erarbeiten. Im zweiten Schritt (UtopieSchule) werden lokale und internationale Studierende und alle interessierten StadtbewohnerInnen mit grundlegenden Kenntnissen und Fähigkeiten ausgestattet, die es ihnen ermöglichen sollen, den ursprünglichen utopischen Entwurf zu verstehen und diesen kritisch zu evaluieren. Die BesucherInnen der UtopieSchule werden im darauffolgenden UtopieLabor den ursprünglichen Entwurf modifizieren und ihre eigenen Zukunftsvisionen entwickeln können. Sowohl UtopieSchule als auch UtopieLabor werden in das Bildungsprogramm SpeculativeEdu integriert, um die Teilnahme der internationalen Studierenden zu fördern und einen produktiven Austausch interner und externer Sichtweisen zu ermöglichen. Alle im Rahmen des UtopieLabors entwickelten Zukunftsmodelle werden einem breiteren Publikum in Form von moderierten Gesprächen und einer Ausstellung vorgestellt. Auch durch das Engagement der zwei Medienpartner von GrazotopiaLAMA aus Graz und Amateur Cities aus Rotterdam – wird ein lebendiger „grazotopischer“ Diskurs auf lokaler und internationaler Ebene angeregt. Am Ende des Prozesses werden alle ausgearbeiteten utopischen Entwürfe in der Form eines öffentlichen digitalen Archivs gespeichert und dauerhaft zugänglich gemacht, so dass sie in jedem Moment „abgerufen“ und „aktiviert“ werden können.


Trotzt der unbestreitbaren Bedeutung der utopischen Imagination beruht Grazotopia auf der Annahme, dass utopische Entwürfe in sich selbst kein transformatorisches Potential bergen – sie können nur dann wirksam werden, wenn sie von gesellschaftlichen Kräften angeeignet werden, die einen emanzipatorischen Wandel vorantreiben können. Um diesen Prozess anzuregen, wird das Team von Grazotopia versuchen, die an der Verwirklichung utopischer Sehnsüchte interessierten gesellschaftlichen AkteurInnen, Bewegungen und Initiativen zu identifizieren, die Zusammenarbeit zwischen ihnen zu fördern und einen gemeinsamen organisatorischen und programmatischen Rahmen aufzubauen. In der letzten Projektphase (GrazFormation) werden Mitglieder des Grazotopia-Teams in einem improvisierten, temporären Büro die realen Möglichkeiten zur utopischen Transformation von Graz erforschen, utopistische Versammlungen organisieren und Vermittlungs- und Beratungsarbeit zum Thema utopischer Stadtwandel anbieten.

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